Kunst und Droge – Rausch und Erkenntnis

Das Tor zum inneren Raum

Seit Urzeiten lockte die „vermeintliche“ schöpferische Kraft von Drogen Maler, Graphiker, Dichter, Musiker und andere Künstler. Doch Inspiration ist ein flüchtiges Ingrediens der Kunst, denn mancher, der im Rausch zu neuen Dimensionen seines Könnens zu finden glaubt, erlebte am Ende in der Sucht seinen eigenen Untergang.

Die Frage, wie weit Drogen Kunstwerke entstehen ließen oder beeinflußten, konnte nie schlüssig beantwortet werden und das hat ganz einfache Gründe. Keine Droge verschafft eine „eigene Welt“, sondern höchstens eine „neue Weltanschauung“ mit verschiedenen Erfahrungswerten.

Drogenwirkungen haben etwas mit Träumen gemeinsam und mit Träumen hat auch künstlerische Phantasie zu tun, und damit ist die Rolle von Drogen im künstlerischem Schaffen von vornherein relativiert.

Nach Aussagen von Künstlern, die mit Drogen experimentierten, sind deren Schaffenskraft und Inspiration oft zweifelhafter Natur und nicht sicher mit der Droge in Verbindung zu bringen.

Daß Drogen den Blick auf die Wirklichkeit erweitern können, wird im Sachbuch von Knaur – „Rausch und Erkenntnis – das Wilde in der Kultur“ (München 1986) beschrieben. Hier geht es uns um Rausch und Erkenntnis und nicht um Delirium und Zerstörung – beschreiben die Autoren ihre Vorgangsweise. Claudia Müller – Ebeling, 1956 geboren, studierte Kunstgeschichte und Indologie in Freiburg, Florenz und Paris – später in Hamburg auch Literaturwissenschaft und Ethnologie. Mehrere Studienreisen führten sie in die Karibik und auf die Seychellen. Sie veröffentlichte u.a. Beiträge in den Büchern „Namaste Yeti“ und „Das Tor zum inneren Raum“ und schrieb zusammen mit Christian Rätsch „Isoldes Liebestrank“ (1986).
Claudia Müller-Ebeling beschäftigte sich mit dem Phänomen der Malerei im Labyrinth des Innenraumes und vergleicht visionäre Malerei mit Phasen der Traumwelt.

Viele Kulturen und Epochen haben uns Kunstwerke, Bilder, gespeist aus der alltäglichen, d.h. materiell sichtbaren Welt und solche aus der geistig immateriellen Welt hinterlassen. Die Gewichtung jedoch, welche Wirklichkeit wichtiger, wahrer, relevanter sei, wechselte.

Vertreter der einen und anderen Richtung – Theoretiker und Praktiker – stritten oft erbittert um die Vorrangstellung, und je mehr sich die Epochen der Gegenwart nähern, desto schneller lösen sich realistische und visionäre Kunst in ihrer Vormachtstellung ab.

Was ist visionär?

Vision kommt von videre = sehen, zielt jedoch nicht auf materielles, sondern auf immaterielles Sehen. Das Rezeptionsspektrum visionärer Kunst bewegt sich zwischen Erscheinung und Trugbild. Zwei Faktoren machen Malerei zur visionären Malerei: die Intention des Künstlers und der Blickwinkel des Betrachters. Visionäre Kunst will nicht das Sichtbare wiedergeben, sondern das Unsichtbare sichtbar machen.

Sie will, wie Jean Moreas (frz. Dichter griech. Abstammung, 1856-1910; Symbolist, dann Neuklassiker im „Manifeste du Symbolisme“) fordert, „die Gegenstände der „äußeren Wirklichkeit als Zeichen wahrnehmen, die zu den uranfänglichen Ideen“ geleiten sollen. Sie überführt die Vision, die ein Maler, eine Epoche, eine ganze Kultur von der transzendenten Wirklichkeit hat, in Bilder.

„Ein Visionär ist ein Mensch, der durch die Dinge hindurch sieht; nichts hemmt die Bahn seines Blicks;
er ist Entdecker schwindelerregender kristalliner Ebenen, Chronist unbekannter Welten.
Er kennt die Beschwörungsformeln, die arglistige Hölle zu bändigen; schafft ein Gleichgewicht von übernatürlichem und Natur…“

~ Marcel Brion ~


Damit die Vision der Landschaft als Spiegel der Empfindungen und religiösen Emphase des Menschen vor seinem inneren Auge entsteht, hat Caspar David Friedrich (1774-1840, dtsch. bedeutender romantischer Landschaftsmaler), in einem gänzlich kahlen Atelier „sein äußeres Auge geschlossen, um mit dem inneren Auge zu sehen“. Mit der Technik der Reduzierung von Außenreizen brachte er seine Phantasie zum Erblühen, fand Zugang zu seiner künstlerischen Vision. http://www.oppisworld.de/zeit/biograf/cdf.html

In vielen Kulturen im Nahen und im Fernen Osten und besonders in Mexiko spielten psychoaktive Pflanzen in der Malerei eine so offensichtliche Rolle, daß die Beeinflussung der indianischen Kunst Mittelamerikas durch den Psylocibin-Pilz plausibel erscheint und der Künstler Ernst Fuchs bewußt wurde, „daß die Kulturen der alten Völker allesamt durch den Genuß bestimmter Drogen ihre spezifische Form erhalten haben. http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Fuchs_%28Maler%29

Was immer in Gebrauch gewesen sein mag, um die Perzeption des Menschen zu vertiefen und zu erweitern, angefangen vom Fasten und Meditieren, bis zum Einnehmen von Drogen, eines scheint mir gewiß: Die Menschen haben immer gewußt, daß erst durch den bestmöglichen Einblick in das Seelische die Herrschaft des Geistigen und Schöpferischen möglich wird“ (Fuchs 1978:102).

In „Psychedelische Kunst“ berichten Robert Masters und Jean Houston in ihrer Literatur, Verlag Knaur; München, Zürich, 1971, über Ernst Fuchs geb. 1930, daß Fuchs sich intensiv mit Juden – und Christentum beschäftigte. Er erlebte den Aussagen zufolge mystische Tiefen und seine Glaubensoffenbarung fließt mit seiner künstlerischen zusammen, indem er die Tiefe der Visionen auszudrücken vermag.
„In all seinen Arbeiten wird die Hand eines Künstlers sichtbar, der die Formen und Bilder der psychedelischen Erfahrung einsichtig überträgt, gestaltet und ausdrückt.“ (Masters u. Houston 1969:157)

Ernst Fuchs lernte 1954 verschiedenen Drogen in Paris und den USA kennen. „Vom Trinken und Berauschtsein im allgemeinen“, hielt Fuchs nichts, so wie er es kannte.
Dennoch experimentierte Fuchs ca. zwei Jahre mit fast allen halluzinogenen Drogen, da er in der Verbindung mit Traum und Drogen einen inneren Zusammenhang sah. In einer nachträglichen Gestaltung und in Verbindung mit LSD-Visionen formte Ernst Fuchs „ein“ Rauschmaterial zur Architectura  Caelestis: Reiche Ornamentierung, starke Farbigkeit mit dem Ausdruck inneren Leuchtens, all diese Merkmale psychedelischer Kunst sind in Fuchs` Beschreibungen enthalten. Im Psalm 1969, gemalt von 1949 bis 1960 steigt das dornenbekrönte Haupt Jesu, die leuchtende Vision aus den Tiefen des Wassers.

„Bild meines Durchbruchs zum Christentum. Meine Begnadigung“, beschreibt Fuchs sein Kunstwerk. (1966:133)


Von den vielen psychedelischen Malern, wie Mati Klarwein, Arlene Sklar-Weinstein, Helmut Wenske, Allen Atwell, Ivan Albright, Pavel Tchelitchew, ist der Belgier – Henri Michaux (1899-1984), Dichter, Zeichner und Maler von besonderer Einzigartigkeit. Gesichter waren ein beherrschendes Thema für Michaux, und seine Aquarelle aus einer Serie aus den Jahren 1948/49, die er nach dem plötzlichen Tod seiner Frau malte, wurden als einzigartig künstlerisch bezeichnet. Von protokollartiger Wiedergabe sind Michaux’s Kunstwerke, die durch den Einfluß von Meskalin entstanden.

Stil und Technik unterscheiden sich deutlich voneinander. Die Bilder Michaux`s sind Kalligraphien der inneren Unruhe und dokumentieren Zerfall, Auflösung – Angst.

Die Resultate seiner Meskalin Experimente waren unter anderem seine 1958 entstandene Meskalin-Zeichnung und sind in seinem Buch „Turbulenzen im Unendlichen“ erkennbar. Die Kunstwelt sah in ihnen „Dokumente psychischer Erschütterungen und existenieller Unordnung“. Michaux gilt als einer der großen künstlerischen Einzelgänger dieses Jahrhunderts. Nach abgebrochenem Medizinstudium reiste er als Matrose ein Jahr lang um die Welt.

Aber Michaux war auch ein Abenteurer im Geiste, der „die Beziehung zum Unterbewußten“ vermehren wollte. Seine ausgedehnten Exkursionen durch Südamerika und den fernen Osten, die er in seinen persönlichen Aufzeichnungen – „Ein Barbar in Asien“ auswertete, waren auch ein Stück Selbsterforschung, seine Aufbrüche ins Innere und zugleich Erkundigungen der Welt. Seine Selbstversuche mit Meskalin aus dem Peyote Kaktus, die er unter ärztlicher Kontrolle in der Mitte der fünfziger Jahre unternahm, versuchte er nach Abklingen des Rausches eindrucksvoll festzuhalten. Die so entstandenen Zeichnungen von seismographisch-vibrierenden Linien, die sich zu abstrakten mikroskopischen Strukturen reihen, unterscheiden sich deutlich von all seinen vorherigen figurativen  Arbeiten.


William Shakespeare (1564-1616), englischer Dichter und einer der Hauptdramatiker der Weltliteratur, der in seinen Werken den ganzen Bereich menschlichen Daseins umspannt, war ein unvergleichlicher Schilderer von Charakteren.  Klassiker Archiv – Glanz und Elend

„Nicht Mohn und nicht Mandragora
Noch alle Schlummersäfte der Natur
Verhelfen je dir zu dem süßen Schlaf,
Der gestern noch dein Eigen war.“

Daß Opium und andere Drogen bei Shakespeare in etwa zweihundertmal auftauchen, hat aber nichts mit einer privaten Leidenschaft dafür zu tun.


Ebenfalls eine Ausnahme, aber unter anderen Umständen, war im Jahre 1928 der Komponist Richard Strauss (1864-1949). http://www.komponisten.at/komponisten/215.html

Seine sinfonischen Dichtungen „Don Juan“, „Tod und Verklärung“, „Ein Heldenleben“ und Opern wie „Salome“, „Elektra“, „Der Rosenkavalier“, „Ariadne auf Naxos“ und „Arabella“, Lieder, Kammermusik und anderes sind sehr bekannt. Richard Srauss, der sich einer Nasenscheidewand – Operation unterziehen mußte, bekam in einer Frankfurter Klinik in Deutschland zur örtlichen Betäubung vor der Operation zwei mit Kokain getränkte Wattebäuschchen fünf Minuten in die Nasenlöcher geschoben.

Wie sein HNO-Facharzt Hans Leicher 1978 in einer Fachzeitschrift mitteilte, besuchte er den Patienten Strauss zwei Stunden nach seiner Operation und fand „den Boden des Krankenzimmers und die Bettdecke mit frisch geschriebenen Notenblättern bedeckt“. Richard Strauss sagte ihm, „das Zeug habe ihn ganz munter gemacht“ – zur Vollendung der zwei Arien – „Aber der Richtige, wenn’s einen für mich gibt“ und „Und du wirst mein Gebieter sein“ – für seine Oper „Arabella“ angeregt, an der er damals gerade arbeitete. Der Komponist meinte zu dem Arzt: „Die Nachwelt wird Sie dafür verantwortlich machen“ (zitiert nach „Der Spiegel“ 1978/Nr.117)

Allerdings sollte man nicht übersehen, daß die geschilderten Wirkungen üblich sind. Wissenschaftler – u.a. Ashley (1974) sind der Meinung, „daß eine mäßige Menge Kokain weit mildere, angenehmere Zustände der  Euphorie erzeugen, bei denen Halluzinationen fehlen“.

Die Wirkungen ähnlichen denen von Sigmund Freud‘s (1884) Kokainexperimenten.  (S. Freud, 1856-1939, österreichischer Psychologe und Schöpfer der Psychoanalyse)

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