Kunst und Droge – Part II

In vielen Kulturen nehmen Menschen Drogen, um die Biochemie des Körpers zu verändern und ihn für Visionen empfänglich zu machen.

Zu ihnen gehören die Huichol-Indianer Mexikos.

Im Zentrum ihrer Kultur steht der Peyote, ein mexikanischer Kaktee (Hauptwirkstoff das Alkaloid Meskalin), den sie zur Trockenzeit rituell jagen. Die durch ihn hervorgerufenen Visionen ermöglichen den Zugang zu den Göttern, enthüllen dem Menschen die Urprinzipien des Kosmos und des menschlichen Lebens.

Peyote zeigt den Huichol die Welt, wie sie wirklich ist.

Eine andere Möglichkeit der Kommunikation mit den Göttern ist die Kunst. Auf Brustschildern, Garnbildern, nearika = Gottesauge genannt, bittet der Huichol um Visionen und nimmt diese in bildlichen Darstellungen vorweg.  „Umgarnte Mythen“, Die Garnbilder der Huichol-Indianer Mexikos, Völkerkundemuseum Freiburg.

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Unabhängig davon, ob die Vision über den Menschen hereinbricht, ob sie selbstinduziert oder durch Drogen katalysiert wird – unabhängig auch von der Kultur: eine Vision kann jeder Mensch empfangen. Die Labyrinthe des Innenraums befinden sich in jedem. Der Künstler ist dazu berufen, sie seiner Umwelt zu kommunizieren.

Deutlich ist darauf hinzuweisen, – daß Drogen die Kreativität nicht erzeugt, sondern bei manchen Menschen nur fördert und verstärkt, was bereits vorhanden ist.

Da das psychedelische Erleben im besonderen Maße ein bildhaftes Erleben darstellt, wobei nicht nur Bilder der sichtbaren Wirklichkeit sich ändern oder entstehen, sondern eigentlich Bildloses – wie Wünsche, Ängste, die Musik oder das Denken – bildhaft erfahren wird, wurden Künstler von dieser neuen Inspirationsquelle besonders angezogen.

Bei gewissen Künstlern – wie sooft bei extrem kreativen Menschen (vom medizinischen und politischen Standpunkt abgesehen) – die sich in ihren „Werken“ durch den Konsum von Opiaten und anderen Rauschdrogen völlig verausgabten, spielte auch der Alkohol eine große Rolle.

Viele dieser kreativen Künstler, die von Opiaten abkamen, wurden später  für ihren hohen Alkoholmißbrauch ebenso berüchtigt.

Als Opium aus den Hexenküchen verschwand, wurde es in Mitteleuropa anfang des 16.Jahrhunderts durch Paracelsus schweizer Arzt, Chemiker und Philosoph, 1493-1541, wieder hoffähig. Paracelsus war der Erneuerer der Medizin und verwendete erstmals chemische Substanzen, auch Gifte als Heilmittel. Er behauptete, den Stein des Weisen gefunden zu haben, den er Laudanum nannte.

Das Mittel wurde gegen Gicht und allerlei schmerzhafte Erkrankungen eingesetzt – und half – wenigstens vorübergehend.

Das Geheimnis seiner „Wundermedizin“ diktierte Paracelsus erst auf seinem Totenbett: „…einen alkoholischen Auszug aus sehr reifen Wachholderkörnern, mit Gewürznelken zerstoßen, dazu die Rinde der Bilsenkrautwurzel und Opium.“

Laudanum wurde über Nacht zur „Modemedizin“, – einem Hexentrank.

Als Paracelsus sich selbst zum Tode verurteilte, nahm er noch zwei Eßlöffel Laudanum. Sein Bild verschmolz später durch Goethe J.W.(1749- 1832) mit einem anderen Scharlatan zu dem des Doktor Faust.

Johann Wolfang von Goethe, bedeutenster dtsch. Dichter, bezeichnete Paracelsus als den „Vater der modernen Medicin“.

Ob Goethe wußte, daß sein Faust niemand anderer war als jener Paracelsus, dessen Laudanum Faust zu seinem Selbstmordversuch verwendete? Jedenfalls beschreibt er die „braune Flut“ als Kenner:

„In dir verehr ich Menschenwitz und Kunst.
Du Inbegriff der holden Schlummersäfte,
Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte,
Erweise deinem Meister deine Gunst!

Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach.

Ins hohe Meer werd` ich hinausgewiesen,
Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen,
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag…“

Auch in Goethes Medizinschrank hatte Laudanum seinen festen Platz, doch niemand würde je auf die Idee kommen, ihn als Opiumsüchtigen zu bezeichnen.

– Goethes Apothekerrechnungen allerdings zeigen einen regelmäßigen Bedarf. (H.G.Behr 1980, S.58)

Zweifellos hat Goethes „Werther“ der ihm folgenden Selbstmordwelle unter den Jugendlichen seiner Zeit ein gut geschriebenes „negatives Vorbild“ geliefert.

Die wahre Ursache für die erschreckend vielen Selbstmörder aber war damals die Hoffnungslosigkeit einer Jugend ohne Aussichten.


Thomas de Quincey,  Dichter, Autor und Literaturkritiker, geboren am 15.August 1785 in Manchester, starb am 8. Dezember 1859.
Mit 25 Jahren schrieb er das berühmte Gedicht „Kluba Khan“, dessen Entstehung er in der Druckausgabe von 1816 schilderte.
Kaum ein Gedicht der Weltliteratur wurde intensiver studiert. Quincey schrieb 1821 die Erstfassung der „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“.
Ein Brief aus jener Zeit an seinen Verleger, der heute in der Wordsworth- Bibliothek in Gransmere liegt, erzählt von seinem Kampf gegen die Sucht und endet:
„Ich muß Sie auch bitten, die Laudanumflecken auf dem Manuskript zu entschuldigen; ich hoffe, sie haben es noch nicht schwerer lesbar gemacht.“
Auch der Brief ist mit Tropfen Laudanum übersät.

Kaum bekannt ist eine Tagebuchnotiz aus jener Zeit, die er grandios im Kapitel „Die Qualen des Opiumessers“ schildert; die Beschreibung und Wirkung von Opium – die Lethargie und die schrecklichen Träume.
De Qincey war ein geachteter Vielschreiber seiner Zeit. Er überarbeitete 35 Jahre später die „Bekenntnisse“ und veränderte das Vorwort um einen entscheidenden Punkt:

„Dies ist die Lehre der wahren Kirche des Opiums, als deren Mitglied ich mich anerkenne …“.

Thomas de Quincey war süchtig, wollte es aber lange nicht eingestehen. Unter dem Einfluß von Laudanum fühlte er sich am wohlsten – in der Oper oder im Straßengedränge. Erst später suchte er wie fast alle Literaten vor und nach ihm die Einsamkeit.

Seine Haushaltsaufstellung von 1854 zeigt, daßer gleich viel Geld für Bücher, Haushalt und Laudanum ausgab. (H.A. Eaton, Oxford 1936 u. mit Auszügen von Hans Georg Behr „Weltmacht Droge“ – Das  Geschäft mit der Sucht, Econ Verlag, Wien, Düsseldorf, 1980, S. 85-91)


Der französische Dichter Charles Baudelaire 1821-1867, war einer der führenden Symbolisten von großem Einfluß. Seine Werke „Les Fleurs du mal“, Les Paradis artificiels“ gehören zur bekanntesten Weltliteratur.

Er war ein Eigenbrötler, der zuviel trank und zuviel Opium nahm, schon mit 23 Jahren versuchte Baudelaire mit Laudanum Selbstmord zu begehen.

Kurz danach versuchte er Haschisch, aber die Droge konnte ihn nicht reizen. „Gegen die verwirrende Wildheit des Haschischs suchte er Schutz beim sanften Verführer Opium.“

Das Geheimnis seiner Pein lüftete Baudelaire selbst in seinem Gedicht „Gift“ von 1857 (Ch.Baudelaire 1858):

„Das Opium macht weit, was längst schon ohne Grenzen,
Dehnt doch die Unendlichkeit,
Ergründet alle Lust, vertieft den Schlund der Zeit;
Kranker Wonnen schwarzes Glänzen
Erfüllt die Seele ganz mit seiner Dunkelheit.“

Ch.Baudelaire

Der „Winterschlaf des Geistes“, den die alten Griechen an Opium priesen, scheint die Ursache zu sein, daß gerade die Künstler an die Droge geraten, die sich in ihrem Schaffen rücksichtslos verausgaben.

Doch das Gesamtbild zeigt immer wieder eine grausam zerstörte Menschlichkeit.

Ihre Autoren, Maler und viele Künstler wurden höchstens bewundert, weil sie trotz der Drogen noch etwas schaffen konnten. Als Vorbild sah sie niemand, – höchstens als Brüder im Geiste.

Noch heute ist mit der Droge auch der Wille zum Tod untrennbar verbunden.

Maler experimentierten in den frühen fünfziger Jahren im Umkreis von Picasso mit Drogen, ebenso die Existentialisten, Vertreter der Wiener Schule. In den sechziger Jahren bekamen viele Künstler in den USA und auch in Europa Kontakt zu LSD und verarbeiteten die Eindrücke in ihren Werken.

„Vergleicht man die Ergebnisse der Meskalin- und der Kreativforschung, so wird ersichtlich, daá der Rausch und der schöpferische Prozeß „tiefere, ontogenetisch frühe, emotionale Schichten des schöpferischen Bereiches berühren – Schichten, die freilich nur dann erreichbar sind, wenn man sich ihnen angstfrei nähert.

Sind die Künstler den neuartigen, unbekannten Eindrücken ohne Vorbereitung und Hilfestellung ausgeliefert, werden diese Schichten bedrohlich erlebt, bevölkert von „Rauschgiftdämonen“, die dem Künstler die souveräne Beherrschung seines Handwerks rauben.“ (Leuner Hanscarl, Halluzinogene, Bern, Stuttgart, Wien: Huber 1981:342)

Der dionysische Ansatz Kultur mit Drogen zu schaffen, wurde als illegal erklärt und die sich neu erschließenden Bereiche der Wahrnehmung als pathalogische Verzerrung gesehen und damit quasi zur entarteten Kunst gestempelt.

Wer wollte schon ein krimineller, pathologischer, unfähiger Maler sein?
Fragestellung und Erwartung waren oft von Unsicherheit geprägt, die Annäherungsversuche waren vielfältig und nicht immer erfolgreich.

„Mit äußerster Willenskraft konnte ich dann etwas zuwege bringen. Die Bilder schauten komisch aus, aber nicht weil der Einfluß der Droge darin war, sondern weil ein Schwerkranker eben schwerer malen kann … als einer, der im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte ist“ (zit. bei Hartmann 1974:230 (Richard P. Malerei aus Bereichen des Unbewußten, Köln:Du Mont, 1977 (Hg) Ernst Fuchs, München,
Zürich:Piper) – kommentiert Hundertwasser einen Versuch, bei dem er, allein im kahlen Raum eines Irrenhauses, auf Papier bannen sollte, was die Droge ihm an Verzerrung bescherte.


Friedrich Stowasser, 1928 in Wien geboren, nannte sich Hundertwasser Friedensreich  Regentag Dunkelbunt.

Dem Reichtum seiner Namen entsprechen seine vielen Tätigkeiten als Maler Architekt, Ökologe und „Bewußtmacher von Identitäten“.

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensreich_Hundertwasser

Als Dreiundzwanzigjähriger hatte sich Hundertwasser zum Ziel gesetzt, sich „vom universellen Bluff unserer Zivilisation zu befreien“. Er hat dieses Ziel bis zu seinem Tod nicht aus den Augen verloren.

„Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum.
Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang
einer neuen Wirklichkeit.“

~ Hundertwasser ~

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