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Kunst und Droge – Rausch und Erkenntnis Part III

Bei der unter Künstlern verbreitetsten Droge, dem Alkohol, lassen sich immerhin zwei Charakteristika ausmachen. Alkohol diente bei so manchen Künstlern als Erholung vom schöpferischem Streß, doch bei schweren Alkoholikern bewirkt er eine Verdüsterung der Vorstellungswelt und eine Hinwendung zu gespenstischen Themen.

Allerdings wird in der Untersuchung von der Rolle der Droge im künstlerischem Prozeß auch durch die Nachwelt erschwert, die in vielen Fällen den Drogengebrauch von Künstlern herunterspielt. Die meditative Versenkung in den Rausch und den kreativen Prozeß durch den Hamburger „Bildermacher“ Bernd Warmbier (1954), der seine Bilder vorwiegend mit Tusche und Tinte „machte“, wurde „prägend“ – in der Hamburger Kunstszene.

Das Thema „Sucht“ ist ein wahrlich unerschöpfliches Gebiet für Soziologen, Toxikologen, Psychologen, Mediziner und Kriminologen. Hans Georg Behr vermerkt: „Daß nahezu ausnahmslos selbsternannte Experten, – einige Jahrtausend Suchtgeschichte, – der Alkoholismus mit eingeschlossen, noch keiner eigenen wissenschaftlichen Disziplin würdig sind.

Eine Gesellschaft schaffen zu wollen, in der kein Bedürfnis nach Drogen mehr herrscht, ist eine Utopie, die schon daran scheitert, daß jedes neue System auch die Schäden des alten erbt.“ (H.G.Behr, 1980, S. 293)

Jean Cocteau (1889-1963) war der Paradiesvogel der Pariser Gesellschaft.
Er war als Lyriker und Dramatiker ebenso erfolgreich, wie später auch als Maler, Zeichner und Filmemacher. Er zeichnete als opiumsüchtiger Maler das Bild eines Menschen, der seine Sinnesorgane wie Antennen ausgefahren hat. Opium wurde ein fester Bestandteil seiner Selbstinszenierung, und er suchte Trost im Mohnextrakt.
Cocteau rauchte das Opium, der „antimedizinischen Eleganz wegen“.
Er hütete eine Sammlung von Opiumpfeifen, deren Porzellanköpfe aus Meißen, Limoges, Sevres und Wedgwood stammten. Berühmt wurde sein Ratschlag: „Gehe vorsichtig an Opium, wie ein wildes Tier, ohne Furcht.“

Cocteau war ein Meister der französischen Dichtung mit seiner  raffinierten Mischung von Poesie, Tatsachen und schlimmsten literarischen Schriften. http://www.zitate-online.de/autor/cocteau-jean/

Das Tagebuch, das er in der Zeit des Entzugs führte, erschien später unter dem Titel: „Opium, Tagebuch einer Entziehung“, das er 1930 veröffentlichte, als alle europäischen Länder bereits ein strenges Opiumgesetz beschlossen hatten.

Auch nach der Entziehung bleibt die Sehnsucht. „Ich fühle mich leer, arm, entmutigt, krank. Es ist hart zu wissen, daß es den fliegenden Teppich gibt und man nie mehr fliegen wird.“ Im Jahr 1963 beendete der Tod die Lebensperformance des 73jährigen Selbstdarstellers. (J.Cocteau, 1930, „Opium“; Ein Tagebuch (Übers.: Hagen,F.), München 1968. DTV)

Jahrtausendelang haben Menschen mit dem Opium und anderen pflanzlichen Drogen gelebt.

Es war immer Medizin und Rauschgift, – Gift, wenn nicht Medizin.
Ein Fluchtmittel, das dann mörderisch wurde, wenn es zur Flucht mißbraucht wurde, das dann seine Machtbestätigung von den „Unterworfenen“ wollte. Eigenartigerweise hat keiner, der bekannten süchtigen Künstler, die sich über ihre Sucht äußerten, in den Bildwelten und Lyriken seine eigenen Phantasien gespiegelt gesehen.

Die Portraits und Akte des italienischen aus Livorno stammenden Künstlers Amedeo Modigliani (geb. 1884, gest.1920) von Alkohol und anderen Drogen abhängig, malte unter anderem das Bild „Jeanne Hebuterne mit gelbem Pullover“ in der Pariser Kunstszene um 1919. Es trägt mit dem oval deformierten Gesicht und der überlangen Nase das charakteristische Signum des Künstlers. Seine Portraits und Akte ähneln sich alle. Gesichter und Hälse sind lang, ein melancholischer Zug liegt um die mandelförmigen, dicht beieinanderstehenden Augen, „deren maskenhafte Form“, so der Kunsthistoriker Karl Ruhrberg, „vom halluzinierten Sehen des unter Alkohol und Drogen stehenden Künstlers mitbestimmt ist“.

Einsamkeit, Armut, Wehmut, Sehnsucht und Krankheit spiegeln sich in Biographien bekannter und berühmter Künstler.

Ihre Schaffenskraft war für jeden einzelnen einzigartig. Ihre künstlerischen Werke blieben uns zum Großteil erhalten.

Vielen berühmten Künstlern ist nach Schicksalsschlägen und der Flucht in die Sucht einer Droge, die Rückkehr in ein Leben, wie es vorher war, nicht mehr gelungen.

Der amerikanische Schriftsteller und Dichter Edgar Allan Poe *19.01.1809 (Boston)  †07.10.1849 (Baltimore) –  ein bedeutender Vertreter der amerikanischen Romantik, der spannende, phantasiereiche und oft unheimliche Erzählungen und Gedichte schrieb, ist wohl eines der prominentesten Opfer seiner Drogensucht mit Opium und Alkohol.

Um in den Dingen des Menschenherzens
durch und durch bewandert zu sein, müssen wir
auch noch in dem mit eisernen Schließen verschlossenen Buch
der Verzweiflung nachschlagen.

~ Edgar Allan Poe ~ aus: »Marginalien«

Seine Selbstzeugnisse klangen sehr spärlich, aber in seinen Geschichten tauchten immer Opfer von Opium auf.  Aufgrund der genauen Beschreibung der Droge und deren Wirkung kann angenommen werden, daß der Künstler ein Kenner der Droge war.
Im Jahre 1849 starb E.A.Poe im Delirium tremens, kurz vor seinem 41. Lebenjahr. (H.G.Behr 1980, S.84)

Vincent van Gogh, niederländischer Maler, 1853 -1890, ein wahrer starker Künstler, zeichnete vorerst und malte dann in intensiven Farben von starker Ausdruckskraft. Er leitete den Expressionismus ein. Seine Inspiration, war wie bei vielen Malern nach 1870 nachzuweisen aus der Quelle japanischer Drucke. Vincents Vorliebe für den Impressionismus, bedeutete aber nicht, daß er die Stilisierung außer acht ließ. http://de.wikipedia.org/wiki/Vincent_van_Gogh

Er malte „Die Kartoffelesser“ (Nuenen 1885), großartig ausgeführte Landschaften aus der Provence z.B. „Das Mohnfeld“ – 1889, „Zypressen“-1889/90, viele Kunstwerke, die später Laien und Künstler begeisterte. Zu dieser Zeit war van Gogh bereits sehr krank, fühlte sich machtlos,  war melancholisch, verarmt und von seinem Bruder Theo finanziell abhängig.
Van Gogh meinte jedoch, „schwere Arbeit sei die einzige Medizin“.

Ein Jahr, nachdem sich Vincent ein Stück seines Ohres abschneidet, bricht seine Nervenkrankheit deutlich aus, er kommt sich im Herbst 1888 wie elektrisch geladen vor (Selbstbildnis, Arles 1888, auf Leinwand) und begibt sich 1889 freiwillig nach mehreren Anfällen in die Irrenanstalt von Saint-Remy. Im Mai 1890 verläßt van Gogh die Anstalt, wird von seinem Arzt Dr.Paul Gachet, der selbst malt und zeichnet betreut. Die einzige Radierung, die Vincent van Gogh jemals gemacht hat, ist ein Bildnis seines Arztes Gachet. Van Gogh wohnt nun auch in der Nähe seines Bruders Theo – in einem Dorf nördlich von Paris, wo er in den letzten zwei Monaten seines Lebens außer Zeichnungen, noch etwa 70 Ölbilder verfertigte. Die letzte Krise seiner Erkrankung wird Vincent van Gogh zum Verhängnis – er schießt sich mit einem Revolver in die Brust und stirbt zwei Tage später ruhig in Anwesenheit seines Bruders und seines Arztes am 29.Juli 1890 und wird in Auvers begraben. 1973 wurde in Amsterdam das Rijksmuseum Vincents van Gogh eröffnet.

Pablo Picasso, eigtl. Ruiz y P., spanischer Maler und Graphiker, (1881-1973), der in seiner Frühzeit in Paris schwermütige Bilder schuf, so ziemlich alle Drogen versucht hatte, bestritt, daß dem so sei. Er wies darauf hin, daß alle Künstler, die Opiaten verfielen, ihren persönlichen Stil schon voll ausgeprägt hatten, ehe sie mit der Droge Bekanntschaft machten.

Picasso, der seine Bilder erst auf einen blauen „Bildnis der Madame Z“, ab 1905 auf einen rosa Ton stimmte, veränderte im Jahre 1917 seine Werke in einen neuen klassizistischen Stil. Um 1925 begann er mit krasser werdenden surrealistischen Verzerrungen zu malen. Pablo Picasso übernahm im Portrait seines Freundes Casagemas Farbgebung und Pinselduktus van Goghs. Die sich ständig wandelnde Vielfalt seiner Kunst ließ gegensätzliche Werke oft gleichzeitig entstehen, z.B. monströse Gebilde, realistische Stierkampfszenen und heiter- parodistische Zeichnungen.  http://de.wikipedia.org/wiki/Pablo_Picasso


Die Spur der Drogen – verbunden mit künstlerischen Talenten – läßt sich im deutschsprachigen Raum weniger deutlich verfolgen, da Rauschmittel in der vor allem protestantischen Tradition als sündhaft galten und daher die Sucht möglicherweise verheimlicht wurde.

Es muß erlaubte Drogen geben, und es wird immer wieder verbotene Drogen geben.
Beide werden ihre Opfer fordern, die verbotenen vermutlich mehr, denn die ihnen Ausgelieferten werden auch zum kriminellen Opfer der jeweils herrschenden gesellschaftlichen, kulturellen Ordnung.
Diese Unterscheidung ist ein grundsätzliches Kennzeichen jeder Machtausübung, – von der Familie angefangen.

Wer auch nur einen Augenblick die Reize des Erlaubten in Frage stellt, kann denen des Verbotenen verfallen.


Kirchner Ernst Ludwig, deutscher Maler und Grafiker 1880-1938, einer der Hauptmeister des deutschen Expressionismus, in Aschaffenburg geboren, starb durch Freitod im Jahre 1938 mit einem Revolverschuá ins Herz, der ihm als einziger Ausweg erschien.
Kirchner studierte 1901-1905 in Dresden Architektur, war Mitbegründer der „Brücke“ im Jahre 1905 und übersiedelte 1911 nach Berlin. Er war Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, wurde aber schon 1933 von den Nazis ausgeschlossen und als „entartet“ diffamiert.
Sein künstlerisches Schaffen war 1915 von größter Bedeutung. „Der Tanz zwischen den Frauen“, „Soldatenbad“, „Der rote Turm in Halle“ oder das „Selbstportrait mit abgehauener Hand“ sind bedeutende Werke des großen Expressionisten, die an einem besonderen Krisenpunkt seines Lebens entstanden sind und Einblick gewährt in sein bildnerisches Denken und in die Befindlichkeit des Malers.

http://www.kunst-fuer-alle.de/deutsch/kunst/bilder/kuenstler/ernst-ludwig-kirchner/3117/1/index.htm

Kirchner schrieb unter dem Pseudonym Lois de Marsalle zahlreiche Aufsätze, in denen er zu seinem eigenen Werk, sowie dem anderer Künstler Stellung nahm.

Die Schauplätze, die Kirchner zu seinen „Großstadtbildern“ anregte, waren Dresden, Bern, Berlin – vor allem das Berlin – vor und während des Ersten Weltkriegs. 1913 malte Kirchner als drittes Kunstwerk die „Berliner Straßenszene“.

Vor der Kulisse vielfarbiger Architekturen spiegeln Dandys und Damen der Halbwelt mit extravagantem Kopfschmuck und in schillernden Kostümen die phantastische „Künstlichkeit“ des Lebens in der Metropole.
Das grelle und fieberhafte Leben verwandelte Kirchner in kantige zuckende Formen von außerordentlicher Aussagekraft, wie Dr.Lucius Grisebach, geb. 1942 in Marburg (Lahn), Kunstgeschichtestudium, Archäologie und Philosophiestudium, Kirchners Biographie und Künste beschreibt. (Piper, München Zürich, 1979/1989). Das Straßenbild Kirchners mit dem lapidarem Titel „Die Straße“ entstand ebenfalls 1913 und war von Anfang an eines der gelungesten Werke.

1920 wurde es als „entartet“ beschlagnahmt und verkauft. Heute hängt es im Museum of Modern Art in New York, als eines der Hauptwerke dieses Museums. Der „Potsdamer Platz“ von 1914, jenes Monument, dessen Hauptfiguren des Straßenbildes fast Lebensgröße erreichen, ist das großartigste von allen Großstadtbildern Kirchners.
Der Erste Weltkrieg veränderte Kirchners Leben schließlich tiefgreifend.
Während seiner Ausbildung als Soldat, er nannte es „unfreiwillig Freiwilliger“ erlebte er einen schweren Zusammenbruch, wurde entlassen und hielt sich in verschiedenen Sanatorien auf.  Schließlich konnte Kirchner aus Deutschland hinaus, erholte sich etwas und blieb bis zu seinem Tode in Davos. Unmäßiger Medikamentenkonsum, im wechselhaften Zustand von starker Trunkenheit, insgesamt gesehen durch die Abhängigkeit und ihren Folgeerscheinungen verlor Ernst Ludwig Kirchner nach und nach die Kontrolle über Physis und Psyche.

In verzweifelter Reaktion auf seine zunehmende Vereinsamung, schließlich auch noch durch die Krankheit überwiegend ans Haus gebunden, wohl auch im Zusammenhang mit der akuten Kriegsangst (1914), seiner inneren Verspannung, die er mit Medikamenten und Alkohol auszugleichen versuchte – wobei er unter der zeitweiligen Unfähigkeit, die Hände und Füße wegen Gefühllosigkeit zu gebrauchen, offenbar am meisten litt. Der später einsetzende Morphiumkonsum kam noch hinzu.

Der österreichische Maler Gerstl Richard (1883 – 1908), zunächst dem Jugendstil verpflichtet, entwickelte einen expressiven, pointillistischen Stil. Er entsprang der „Umarmung“ von Drogen und wählte den Freitod …

Die Drogen lauern zwischen der Paradieshoffnung und der Wirklichkeit, – die durch diese Hoffnungen erst so schwer erträglich wird.

Schlaf-, Beruhigungs- und Aufputschmittel, Opiate, Alkohol und Tabak, all diese Substanzen, die der Mensch sät und erntet, erzeugt, verkauft und erhandelt, haben einen bedeutenden Stellenwert.

Fast jede Droge der Welt ist in unserer freizügigen und durchlässigen Gesellschaft zu haben, – für jeden, der Drogen unbedingt haben möchte, denn der expansive Markt und die pharmakologische Intelligenz wird immer neue Designerdrogen hinzufügen.

Bei dem Stellenwert den die Vernunft in unserem Wissen einnimmt, ist es nicht sehr verwunderlich, daß andere Grundzüge des Menschen erst Jahrhunderte später entdeckt wurden.

Es ist noch nicht so ewig lange her, als Sigmund Freud den Einfluß der Psyche auf das menschliche Verhalten entdeckte und andere „Drogenkenner“ den der Drogen.

Wir haben die gesellschaftliche Illusion des käuflichen Glücks, – auch auf chemischer Basis.
Was mit chemischen Drogen erzeugt werden soll, ist das Glück, das der Wirklichkeit fehlt.

So erzeugen Drogen die Träume, die durch die moderne Nüchternheit wegrationalisiert wurden.

In politischen Überlegungen spielt die Psyche – die Seele des Menschen, – nur im Wahlkampf – und in Strategieplänen eine halbwissenschaftliche Rolle, und der menschliche Hang zu Drogen ist demzufolge ein zu bekämpfendes Übel.

Die Vernunft ist nur ein Faktor menschlicher Wirklichkeit. Mit ihr und oft auch gegen sie gibt es noch die irrationale Macht der Gefühle und die magische Macht einer Droge.

Die beiden letzten Faktoren sind nicht „regierbar“, da sie die unverwechselbare Eigenpersönlichkeit jedes Menschen bilden.
Gefühle scheinen nicht mehr erlaubt zu sein, denn auf „edler Vernunftsbasis“ wird nüchterne Politik gemacht, wobei die seelischen Erkrankungen und Drogenprobleme weiter zunehmen.

Das „Universallösungsmittel“ wird immer nur in der Vernunft gesehen und für Träume ist die Konsumwerbung zuständig.

Um mit einem tirolspezifischen Kontext abzuschlieáen, möchte ich Georg Trakl, den österreichischer Dichter, mit Werken reinster Lyrik von mystischer und magischer Schönheit, geb. am 3.Februar 1887 in Salzburg in ehrenhafte Erinnerung rufen.

Trakl, der mit dem Brenner seine literarische Förderung in Innsbruck erhalten hat, besuchte 1897 das humanistische Staatsgymnasium am Salzburger Universitätsplatz.
Er hegte Schwärmereien für Musikromantik: Chopin, Liszt, die Russen – später für Wagner, begann 1904 mit dichterischer Tätigkeit, bricht sein Gymnasialstudium in der siebten Klasse ab und beginnt als Lehrling in der einer Apotheke im Jahre 1905.
Nach Enttäuschung über seinen Mißerfolg als Dramatiker, Bekanntschaft mit Rauschgiften, wie Morphium und Veronal, abere weitere Lyrikwerke entstehen. Im Jahre 1908 begann Trakl das Universitätsstudium der Pharmazie in Wien.

Ein dichterischer Aufschwung beginnt und Trakl schreibt an Buschbeck: „Ich habe gesegnete Tage hinter mir …“.

Seine Jugendgedichte werden von Buschbeck dem Verlag Albert Langen in München angeboten.
Sponsium zum Magister der Pharmazie 1910 und Niederschrift des Puppenspiels „Blaubart“.
1911 Sanitätsdienst – Präsenzdienst als Einjährig-Freiwilliger in Wien, dann Versetzung an den Landesschützenergänzungsbezirk Innsbruck und – der Beginn schwerdepressiver Anfälle in Perioden.
Trakl arbeitet an der Innsbrucker Halbmonatsschrift „Der Brenner“ – Dichtung von Trakl „Vorstadt im Föhn“.

Trakl verfaßte eine erste Sammlung der reifen  Dichtungen mit dem Titel: „Dämmerung und Verfall“. Er vollendet „Traum und Umnachtung“ und es erscheint am 3.Jänner im Jahre 1914 in der Innsbrucker Zeitschrift „Brenner“. Trakl, ein religiöser Träumer und Phantast, den nicht nur der Alkohol und das Rauschgift vernichtete, verkraftete auch die frühere Blutschande mit seiner Schwester Grete nicht. Es verfolgte ihn das Bewußtsein einer unentrinnbaren Schuld und seine Phantasien verkörpern die inneren Schicksale einer einzigen Individualit„t und lassen daher die Zusammenhänge einer ganzen Persönlichkeitsentwicklung erkennen.

Im August 1914 rückte Trakl in den Krieg, im Oktober desselben Jahres wurde er in das Garnisonsspital in Krakau zur Beobachtung seines Geisteszustandes eingeliefert. Sechs Tage vor seinem Tode schrieb Trakl an Ludwig von Ficker: „… Zum Schlusse will ich noch beifügen, daá im Falle meines Ablebens, es mein Wunsch und Wille ist, daá meine Schwester Grete, alles, was ich an Geld und sonstigen Gegenständen besitze, zu eigen haben soll … “

Trakl ist an einer Überdosis Kokain (Herzlähmung) im Garnisonsspital des polnischen Krakau am 3.November 1914 mit erst 27 Jahren verstorben. Er wird in Krakau beerdigt.
Später, erst im Jahre 1925 werden seine Gebeine nach Tirol überführt und in Innsbruck-Mühlau beigesetzt.

Trakls letzte sieben Gedichte werden im „Brenner Jahrbuch 1915“ veröffentlicht, sowie „Offenbarung“ und „Untergang“.
Trakls Schwester Grete beendete ihr Leben durch eigene Hand im Jahre 1917.

Im Jahre 1919 erscheinen die Jugenddichtungen, von Erhard Buschbeck herausgegeben, unter dem Titel „Aus goldenem Kelch“ bei Otto Müller, Salzburg und Leipzig.

Das Grauen

„Ich sah mich durch verlass`ne Zimmer gehn.
– Die Sterne tanzten irr auf blauem Grunde,
und auf den Feldern heulten laut die Hunde,
Und in den Wipfeln wühlt wild der Föhn.

Doch plötzlich Stille! Dumpfe Fieberglut
läßt giftige Blumen blühn aus meinem Munde.
Aus dem Geäst fällt wie aus einer Wunde
blass schimmernd Tau, und fällt und fällt wie Blut.

Aus eines Spiegels trügerische Leere
hebt langsam sich, und wie ins Ungefähre
aus Graun und Finsternis ein Anlitz: Kain!

Sehr leise rauscht die samtene Portiere,
durchs Fenster schaut der Mond gleichwie ins Leere;
Da bin ich mit meinem Mörder – ich allein.“

~ Georg Trakl (Der Heilige) ~


http://www.think-of-me.de/Biography/Lyrik_Georg_Trakl.htm


Autorin Dr. Ingrid Riedl – veröffentlicht im  „Kunstmagazin Palette“ – 3. Jahrgang – Ausgabe 9 – 1994)

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Kunst und Droge – Part II

In vielen Kulturen nehmen Menschen Drogen, um die Biochemie des Körpers zu verändern und ihn für Visionen empfänglich zu machen.

Zu ihnen gehören die Huichol-Indianer Mexikos.

Im Zentrum ihrer Kultur steht der Peyote, ein mexikanischer Kaktee (Hauptwirkstoff das Alkaloid Meskalin), den sie zur Trockenzeit rituell jagen. Die durch ihn hervorgerufenen Visionen ermöglichen den Zugang zu den Göttern, enthüllen dem Menschen die Urprinzipien des Kosmos und des menschlichen Lebens.

Peyote zeigt den Huichol die Welt, wie sie wirklich ist.

Eine andere Möglichkeit der Kommunikation mit den Göttern ist die Kunst. Auf Brustschildern, Garnbildern, nearika = Gottesauge genannt, bittet der Huichol um Visionen und nimmt diese in bildlichen Darstellungen vorweg.  „Umgarnte Mythen“, Die Garnbilder der Huichol-Indianer Mexikos, Völkerkundemuseum Freiburg.

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Unabhängig davon, ob die Vision über den Menschen hereinbricht, ob sie selbstinduziert oder durch Drogen katalysiert wird – unabhängig auch von der Kultur: eine Vision kann jeder Mensch empfangen. Die Labyrinthe des Innenraums befinden sich in jedem. Der Künstler ist dazu berufen, sie seiner Umwelt zu kommunizieren.

Deutlich ist darauf hinzuweisen, – daß Drogen die Kreativität nicht erzeugt, sondern bei manchen Menschen nur fördert und verstärkt, was bereits vorhanden ist.

Da das psychedelische Erleben im besonderen Maße ein bildhaftes Erleben darstellt, wobei nicht nur Bilder der sichtbaren Wirklichkeit sich ändern oder entstehen, sondern eigentlich Bildloses – wie Wünsche, Ängste, die Musik oder das Denken – bildhaft erfahren wird, wurden Künstler von dieser neuen Inspirationsquelle besonders angezogen.

Bei gewissen Künstlern – wie sooft bei extrem kreativen Menschen (vom medizinischen und politischen Standpunkt abgesehen) – die sich in ihren „Werken“ durch den Konsum von Opiaten und anderen Rauschdrogen völlig verausgabten, spielte auch der Alkohol eine große Rolle.

Viele dieser kreativen Künstler, die von Opiaten abkamen, wurden später  für ihren hohen Alkoholmißbrauch ebenso berüchtigt.

Als Opium aus den Hexenküchen verschwand, wurde es in Mitteleuropa anfang des 16.Jahrhunderts durch Paracelsus schweizer Arzt, Chemiker und Philosoph, 1493-1541, wieder hoffähig. Paracelsus war der Erneuerer der Medizin und verwendete erstmals chemische Substanzen, auch Gifte als Heilmittel. Er behauptete, den Stein des Weisen gefunden zu haben, den er Laudanum nannte.

Das Mittel wurde gegen Gicht und allerlei schmerzhafte Erkrankungen eingesetzt – und half – wenigstens vorübergehend.

Das Geheimnis seiner „Wundermedizin“ diktierte Paracelsus erst auf seinem Totenbett: „…einen alkoholischen Auszug aus sehr reifen Wachholderkörnern, mit Gewürznelken zerstoßen, dazu die Rinde der Bilsenkrautwurzel und Opium.“

Laudanum wurde über Nacht zur „Modemedizin“, – einem Hexentrank.

Als Paracelsus sich selbst zum Tode verurteilte, nahm er noch zwei Eßlöffel Laudanum. Sein Bild verschmolz später durch Goethe J.W.(1749- 1832) mit einem anderen Scharlatan zu dem des Doktor Faust.

Johann Wolfang von Goethe, bedeutenster dtsch. Dichter, bezeichnete Paracelsus als den „Vater der modernen Medicin“.

Ob Goethe wußte, daß sein Faust niemand anderer war als jener Paracelsus, dessen Laudanum Faust zu seinem Selbstmordversuch verwendete? Jedenfalls beschreibt er die „braune Flut“ als Kenner:

„In dir verehr ich Menschenwitz und Kunst.
Du Inbegriff der holden Schlummersäfte,
Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte,
Erweise deinem Meister deine Gunst!

Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach.

Ins hohe Meer werd` ich hinausgewiesen,
Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen,
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag…“

Auch in Goethes Medizinschrank hatte Laudanum seinen festen Platz, doch niemand würde je auf die Idee kommen, ihn als Opiumsüchtigen zu bezeichnen.

– Goethes Apothekerrechnungen allerdings zeigen einen regelmäßigen Bedarf. (H.G.Behr 1980, S.58)

Zweifellos hat Goethes „Werther“ der ihm folgenden Selbstmordwelle unter den Jugendlichen seiner Zeit ein gut geschriebenes „negatives Vorbild“ geliefert.

Die wahre Ursache für die erschreckend vielen Selbstmörder aber war damals die Hoffnungslosigkeit einer Jugend ohne Aussichten.


Thomas de Quincey,  Dichter, Autor und Literaturkritiker, geboren am 15.August 1785 in Manchester, starb am 8. Dezember 1859.
Mit 25 Jahren schrieb er das berühmte Gedicht „Kluba Khan“, dessen Entstehung er in der Druckausgabe von 1816 schilderte.
Kaum ein Gedicht der Weltliteratur wurde intensiver studiert. Quincey schrieb 1821 die Erstfassung der „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“.
Ein Brief aus jener Zeit an seinen Verleger, der heute in der Wordsworth- Bibliothek in Gransmere liegt, erzählt von seinem Kampf gegen die Sucht und endet:
„Ich muß Sie auch bitten, die Laudanumflecken auf dem Manuskript zu entschuldigen; ich hoffe, sie haben es noch nicht schwerer lesbar gemacht.“
Auch der Brief ist mit Tropfen Laudanum übersät.

Kaum bekannt ist eine Tagebuchnotiz aus jener Zeit, die er grandios im Kapitel „Die Qualen des Opiumessers“ schildert; die Beschreibung und Wirkung von Opium – die Lethargie und die schrecklichen Träume.
De Qincey war ein geachteter Vielschreiber seiner Zeit. Er überarbeitete 35 Jahre später die „Bekenntnisse“ und veränderte das Vorwort um einen entscheidenden Punkt:

„Dies ist die Lehre der wahren Kirche des Opiums, als deren Mitglied ich mich anerkenne …“.

Thomas de Quincey war süchtig, wollte es aber lange nicht eingestehen. Unter dem Einfluß von Laudanum fühlte er sich am wohlsten – in der Oper oder im Straßengedränge. Erst später suchte er wie fast alle Literaten vor und nach ihm die Einsamkeit.

Seine Haushaltsaufstellung von 1854 zeigt, daßer gleich viel Geld für Bücher, Haushalt und Laudanum ausgab. (H.A. Eaton, Oxford 1936 u. mit Auszügen von Hans Georg Behr „Weltmacht Droge“ – Das  Geschäft mit der Sucht, Econ Verlag, Wien, Düsseldorf, 1980, S. 85-91)


Der französische Dichter Charles Baudelaire 1821-1867, war einer der führenden Symbolisten von großem Einfluß. Seine Werke „Les Fleurs du mal“, Les Paradis artificiels“ gehören zur bekanntesten Weltliteratur.

Er war ein Eigenbrötler, der zuviel trank und zuviel Opium nahm, schon mit 23 Jahren versuchte Baudelaire mit Laudanum Selbstmord zu begehen.

Kurz danach versuchte er Haschisch, aber die Droge konnte ihn nicht reizen. „Gegen die verwirrende Wildheit des Haschischs suchte er Schutz beim sanften Verführer Opium.“

Das Geheimnis seiner Pein lüftete Baudelaire selbst in seinem Gedicht „Gift“ von 1857 (Ch.Baudelaire 1858):

„Das Opium macht weit, was längst schon ohne Grenzen,
Dehnt doch die Unendlichkeit,
Ergründet alle Lust, vertieft den Schlund der Zeit;
Kranker Wonnen schwarzes Glänzen
Erfüllt die Seele ganz mit seiner Dunkelheit.“

Ch.Baudelaire

Der „Winterschlaf des Geistes“, den die alten Griechen an Opium priesen, scheint die Ursache zu sein, daß gerade die Künstler an die Droge geraten, die sich in ihrem Schaffen rücksichtslos verausgaben.

Doch das Gesamtbild zeigt immer wieder eine grausam zerstörte Menschlichkeit.

Ihre Autoren, Maler und viele Künstler wurden höchstens bewundert, weil sie trotz der Drogen noch etwas schaffen konnten. Als Vorbild sah sie niemand, – höchstens als Brüder im Geiste.

Noch heute ist mit der Droge auch der Wille zum Tod untrennbar verbunden.

Maler experimentierten in den frühen fünfziger Jahren im Umkreis von Picasso mit Drogen, ebenso die Existentialisten, Vertreter der Wiener Schule. In den sechziger Jahren bekamen viele Künstler in den USA und auch in Europa Kontakt zu LSD und verarbeiteten die Eindrücke in ihren Werken.

„Vergleicht man die Ergebnisse der Meskalin- und der Kreativforschung, so wird ersichtlich, daá der Rausch und der schöpferische Prozeß „tiefere, ontogenetisch frühe, emotionale Schichten des schöpferischen Bereiches berühren – Schichten, die freilich nur dann erreichbar sind, wenn man sich ihnen angstfrei nähert.

Sind die Künstler den neuartigen, unbekannten Eindrücken ohne Vorbereitung und Hilfestellung ausgeliefert, werden diese Schichten bedrohlich erlebt, bevölkert von „Rauschgiftdämonen“, die dem Künstler die souveräne Beherrschung seines Handwerks rauben.“ (Leuner Hanscarl, Halluzinogene, Bern, Stuttgart, Wien: Huber 1981:342)

Der dionysische Ansatz Kultur mit Drogen zu schaffen, wurde als illegal erklärt und die sich neu erschließenden Bereiche der Wahrnehmung als pathalogische Verzerrung gesehen und damit quasi zur entarteten Kunst gestempelt.

Wer wollte schon ein krimineller, pathologischer, unfähiger Maler sein?
Fragestellung und Erwartung waren oft von Unsicherheit geprägt, die Annäherungsversuche waren vielfältig und nicht immer erfolgreich.

„Mit äußerster Willenskraft konnte ich dann etwas zuwege bringen. Die Bilder schauten komisch aus, aber nicht weil der Einfluß der Droge darin war, sondern weil ein Schwerkranker eben schwerer malen kann … als einer, der im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte ist“ (zit. bei Hartmann 1974:230 (Richard P. Malerei aus Bereichen des Unbewußten, Köln:Du Mont, 1977 (Hg) Ernst Fuchs, München,
Zürich:Piper) – kommentiert Hundertwasser einen Versuch, bei dem er, allein im kahlen Raum eines Irrenhauses, auf Papier bannen sollte, was die Droge ihm an Verzerrung bescherte.


Friedrich Stowasser, 1928 in Wien geboren, nannte sich Hundertwasser Friedensreich  Regentag Dunkelbunt.

Dem Reichtum seiner Namen entsprechen seine vielen Tätigkeiten als Maler Architekt, Ökologe und „Bewußtmacher von Identitäten“.

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensreich_Hundertwasser

Als Dreiundzwanzigjähriger hatte sich Hundertwasser zum Ziel gesetzt, sich „vom universellen Bluff unserer Zivilisation zu befreien“. Er hat dieses Ziel bis zu seinem Tod nicht aus den Augen verloren.

„Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum.
Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang
einer neuen Wirklichkeit.“

~ Hundertwasser ~

Kunst und Droge – Rausch und Erkenntnis

Das Tor zum inneren Raum

Seit Urzeiten lockte die „vermeintliche“ schöpferische Kraft von Drogen Maler, Graphiker, Dichter, Musiker und andere Künstler. Doch Inspiration ist ein flüchtiges Ingrediens der Kunst, denn mancher, der im Rausch zu neuen Dimensionen seines Könnens zu finden glaubt, erlebte am Ende in der Sucht seinen eigenen Untergang.

Die Frage, wie weit Drogen Kunstwerke entstehen ließen oder beeinflußten, konnte nie schlüssig beantwortet werden und das hat ganz einfache Gründe. Keine Droge verschafft eine „eigene Welt“, sondern höchstens eine „neue Weltanschauung“ mit verschiedenen Erfahrungswerten.

Drogenwirkungen haben etwas mit Träumen gemeinsam und mit Träumen hat auch künstlerische Phantasie zu tun, und damit ist die Rolle von Drogen im künstlerischem Schaffen von vornherein relativiert.

Nach Aussagen von Künstlern, die mit Drogen experimentierten, sind deren Schaffenskraft und Inspiration oft zweifelhafter Natur und nicht sicher mit der Droge in Verbindung zu bringen.

Daß Drogen den Blick auf die Wirklichkeit erweitern können, wird im Sachbuch von Knaur – „Rausch und Erkenntnis – das Wilde in der Kultur“ (München 1986) beschrieben. Hier geht es uns um Rausch und Erkenntnis und nicht um Delirium und Zerstörung – beschreiben die Autoren ihre Vorgangsweise. Claudia Müller – Ebeling, 1956 geboren, studierte Kunstgeschichte und Indologie in Freiburg, Florenz und Paris – später in Hamburg auch Literaturwissenschaft und Ethnologie. Mehrere Studienreisen führten sie in die Karibik und auf die Seychellen. Sie veröffentlichte u.a. Beiträge in den Büchern „Namaste Yeti“ und „Das Tor zum inneren Raum“ und schrieb zusammen mit Christian Rätsch „Isoldes Liebestrank“ (1986).
Claudia Müller-Ebeling beschäftigte sich mit dem Phänomen der Malerei im Labyrinth des Innenraumes und vergleicht visionäre Malerei mit Phasen der Traumwelt.

Viele Kulturen und Epochen haben uns Kunstwerke, Bilder, gespeist aus der alltäglichen, d.h. materiell sichtbaren Welt und solche aus der geistig immateriellen Welt hinterlassen. Die Gewichtung jedoch, welche Wirklichkeit wichtiger, wahrer, relevanter sei, wechselte.

Vertreter der einen und anderen Richtung – Theoretiker und Praktiker – stritten oft erbittert um die Vorrangstellung, und je mehr sich die Epochen der Gegenwart nähern, desto schneller lösen sich realistische und visionäre Kunst in ihrer Vormachtstellung ab.

Was ist visionär?

Vision kommt von videre = sehen, zielt jedoch nicht auf materielles, sondern auf immaterielles Sehen. Das Rezeptionsspektrum visionärer Kunst bewegt sich zwischen Erscheinung und Trugbild. Zwei Faktoren machen Malerei zur visionären Malerei: die Intention des Künstlers und der Blickwinkel des Betrachters. Visionäre Kunst will nicht das Sichtbare wiedergeben, sondern das Unsichtbare sichtbar machen.

Sie will, wie Jean Moreas (frz. Dichter griech. Abstammung, 1856-1910; Symbolist, dann Neuklassiker im „Manifeste du Symbolisme“) fordert, „die Gegenstände der „äußeren Wirklichkeit als Zeichen wahrnehmen, die zu den uranfänglichen Ideen“ geleiten sollen. Sie überführt die Vision, die ein Maler, eine Epoche, eine ganze Kultur von der transzendenten Wirklichkeit hat, in Bilder.

„Ein Visionär ist ein Mensch, der durch die Dinge hindurch sieht; nichts hemmt die Bahn seines Blicks;
er ist Entdecker schwindelerregender kristalliner Ebenen, Chronist unbekannter Welten.
Er kennt die Beschwörungsformeln, die arglistige Hölle zu bändigen; schafft ein Gleichgewicht von übernatürlichem und Natur…“

~ Marcel Brion ~


Damit die Vision der Landschaft als Spiegel der Empfindungen und religiösen Emphase des Menschen vor seinem inneren Auge entsteht, hat Caspar David Friedrich (1774-1840, dtsch. bedeutender romantischer Landschaftsmaler), in einem gänzlich kahlen Atelier „sein äußeres Auge geschlossen, um mit dem inneren Auge zu sehen“. Mit der Technik der Reduzierung von Außenreizen brachte er seine Phantasie zum Erblühen, fand Zugang zu seiner künstlerischen Vision. http://www.oppisworld.de/zeit/biograf/cdf.html

In vielen Kulturen im Nahen und im Fernen Osten und besonders in Mexiko spielten psychoaktive Pflanzen in der Malerei eine so offensichtliche Rolle, daß die Beeinflussung der indianischen Kunst Mittelamerikas durch den Psylocibin-Pilz plausibel erscheint und der Künstler Ernst Fuchs bewußt wurde, „daß die Kulturen der alten Völker allesamt durch den Genuß bestimmter Drogen ihre spezifische Form erhalten haben. http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Fuchs_%28Maler%29

Was immer in Gebrauch gewesen sein mag, um die Perzeption des Menschen zu vertiefen und zu erweitern, angefangen vom Fasten und Meditieren, bis zum Einnehmen von Drogen, eines scheint mir gewiß: Die Menschen haben immer gewußt, daß erst durch den bestmöglichen Einblick in das Seelische die Herrschaft des Geistigen und Schöpferischen möglich wird“ (Fuchs 1978:102).

In „Psychedelische Kunst“ berichten Robert Masters und Jean Houston in ihrer Literatur, Verlag Knaur; München, Zürich, 1971, über Ernst Fuchs geb. 1930, daß Fuchs sich intensiv mit Juden – und Christentum beschäftigte. Er erlebte den Aussagen zufolge mystische Tiefen und seine Glaubensoffenbarung fließt mit seiner künstlerischen zusammen, indem er die Tiefe der Visionen auszudrücken vermag.
„In all seinen Arbeiten wird die Hand eines Künstlers sichtbar, der die Formen und Bilder der psychedelischen Erfahrung einsichtig überträgt, gestaltet und ausdrückt.“ (Masters u. Houston 1969:157)

Ernst Fuchs lernte 1954 verschiedenen Drogen in Paris und den USA kennen. „Vom Trinken und Berauschtsein im allgemeinen“, hielt Fuchs nichts, so wie er es kannte.
Dennoch experimentierte Fuchs ca. zwei Jahre mit fast allen halluzinogenen Drogen, da er in der Verbindung mit Traum und Drogen einen inneren Zusammenhang sah. In einer nachträglichen Gestaltung und in Verbindung mit LSD-Visionen formte Ernst Fuchs „ein“ Rauschmaterial zur Architectura  Caelestis: Reiche Ornamentierung, starke Farbigkeit mit dem Ausdruck inneren Leuchtens, all diese Merkmale psychedelischer Kunst sind in Fuchs` Beschreibungen enthalten. Im Psalm 1969, gemalt von 1949 bis 1960 steigt das dornenbekrönte Haupt Jesu, die leuchtende Vision aus den Tiefen des Wassers.

„Bild meines Durchbruchs zum Christentum. Meine Begnadigung“, beschreibt Fuchs sein Kunstwerk. (1966:133)


Von den vielen psychedelischen Malern, wie Mati Klarwein, Arlene Sklar-Weinstein, Helmut Wenske, Allen Atwell, Ivan Albright, Pavel Tchelitchew, ist der Belgier – Henri Michaux (1899-1984), Dichter, Zeichner und Maler von besonderer Einzigartigkeit. Gesichter waren ein beherrschendes Thema für Michaux, und seine Aquarelle aus einer Serie aus den Jahren 1948/49, die er nach dem plötzlichen Tod seiner Frau malte, wurden als einzigartig künstlerisch bezeichnet. Von protokollartiger Wiedergabe sind Michaux’s Kunstwerke, die durch den Einfluß von Meskalin entstanden.

Stil und Technik unterscheiden sich deutlich voneinander. Die Bilder Michaux`s sind Kalligraphien der inneren Unruhe und dokumentieren Zerfall, Auflösung – Angst.

Die Resultate seiner Meskalin Experimente waren unter anderem seine 1958 entstandene Meskalin-Zeichnung und sind in seinem Buch „Turbulenzen im Unendlichen“ erkennbar. Die Kunstwelt sah in ihnen „Dokumente psychischer Erschütterungen und existenieller Unordnung“. Michaux gilt als einer der großen künstlerischen Einzelgänger dieses Jahrhunderts. Nach abgebrochenem Medizinstudium reiste er als Matrose ein Jahr lang um die Welt.

Aber Michaux war auch ein Abenteurer im Geiste, der „die Beziehung zum Unterbewußten“ vermehren wollte. Seine ausgedehnten Exkursionen durch Südamerika und den fernen Osten, die er in seinen persönlichen Aufzeichnungen – „Ein Barbar in Asien“ auswertete, waren auch ein Stück Selbsterforschung, seine Aufbrüche ins Innere und zugleich Erkundigungen der Welt. Seine Selbstversuche mit Meskalin aus dem Peyote Kaktus, die er unter ärztlicher Kontrolle in der Mitte der fünfziger Jahre unternahm, versuchte er nach Abklingen des Rausches eindrucksvoll festzuhalten. Die so entstandenen Zeichnungen von seismographisch-vibrierenden Linien, die sich zu abstrakten mikroskopischen Strukturen reihen, unterscheiden sich deutlich von all seinen vorherigen figurativen  Arbeiten.


William Shakespeare (1564-1616), englischer Dichter und einer der Hauptdramatiker der Weltliteratur, der in seinen Werken den ganzen Bereich menschlichen Daseins umspannt, war ein unvergleichlicher Schilderer von Charakteren.  Klassiker Archiv – Glanz und Elend

„Nicht Mohn und nicht Mandragora
Noch alle Schlummersäfte der Natur
Verhelfen je dir zu dem süßen Schlaf,
Der gestern noch dein Eigen war.“

Daß Opium und andere Drogen bei Shakespeare in etwa zweihundertmal auftauchen, hat aber nichts mit einer privaten Leidenschaft dafür zu tun.


Ebenfalls eine Ausnahme, aber unter anderen Umständen, war im Jahre 1928 der Komponist Richard Strauss (1864-1949). http://www.komponisten.at/komponisten/215.html

Seine sinfonischen Dichtungen „Don Juan“, „Tod und Verklärung“, „Ein Heldenleben“ und Opern wie „Salome“, „Elektra“, „Der Rosenkavalier“, „Ariadne auf Naxos“ und „Arabella“, Lieder, Kammermusik und anderes sind sehr bekannt. Richard Srauss, der sich einer Nasenscheidewand – Operation unterziehen mußte, bekam in einer Frankfurter Klinik in Deutschland zur örtlichen Betäubung vor der Operation zwei mit Kokain getränkte Wattebäuschchen fünf Minuten in die Nasenlöcher geschoben.

Wie sein HNO-Facharzt Hans Leicher 1978 in einer Fachzeitschrift mitteilte, besuchte er den Patienten Strauss zwei Stunden nach seiner Operation und fand „den Boden des Krankenzimmers und die Bettdecke mit frisch geschriebenen Notenblättern bedeckt“. Richard Strauss sagte ihm, „das Zeug habe ihn ganz munter gemacht“ – zur Vollendung der zwei Arien – „Aber der Richtige, wenn’s einen für mich gibt“ und „Und du wirst mein Gebieter sein“ – für seine Oper „Arabella“ angeregt, an der er damals gerade arbeitete. Der Komponist meinte zu dem Arzt: „Die Nachwelt wird Sie dafür verantwortlich machen“ (zitiert nach „Der Spiegel“ 1978/Nr.117)

Allerdings sollte man nicht übersehen, daß die geschilderten Wirkungen üblich sind. Wissenschaftler – u.a. Ashley (1974) sind der Meinung, „daß eine mäßige Menge Kokain weit mildere, angenehmere Zustände der  Euphorie erzeugen, bei denen Halluzinationen fehlen“.

Die Wirkungen ähnlichen denen von Sigmund Freud‘s (1884) Kokainexperimenten.  (S. Freud, 1856-1939, österreichischer Psychologe und Schöpfer der Psychoanalyse)